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Ausgabe 3 Min. Lesezeit

Absolute digitale Souveränität

Im Jahr 2026 ist es einfacher denn je, einen Blog oder Newsletter zu starten. Dennoch habe ich mich für den komplizierten Weg entschieden.

Digitale Souveränität, also die Unabhängigkeit von Plattformen und Diensten, ist nun wirklich keine neue Erfindung und spätestens seit dem Amtsantritt der aktuellen US-Regierung wird man auch nicht mehr belächelt, wenn man mit dem Thema um die Ecke kommt. Man könnte sogar fast sagen, sie liegt im Trend.

Die Vorteile liegen ja auch auf der Hand. Bei Plattformen zahlt man entweder mit Abos oder mit seinen Daten und wenn ein Dienst pleitegeht oder spontan beschließt bestimmte Funktionen abzuschalten, dann ist man dem ausgeliefert.

Was liegt da also näher, als bei einem Newsletter-Projekt, welches einem seit Monaten im Kopf umherschwirrt, einfach freudig zu verkünden, dass man dabei völlig unabhängig sein möchte. Das man nicht auf Plattformen wie Substack (die rechtsextreme Inhalte auf ihrer Seite tolerieren und damit sogar Geld verdienen) oder Anbieter wie Mailchimp (die 2021 ein Diversitäts-Problem hatten) setzt, sondern mit Open Source und eigener Infrastruktur eine Art Vorkämpfer der Unabhängigkeit wird! Das kann ja nicht so schwer sein. Berühmte letzte Worte …

Die erste Entscheidung für diesen Newsletter war nicht, worüber ich schreiben möchte. Die erste Entscheidung war, wem er gehören soll.

Doch nach mehreren schlaflosen Nächten und ein paar zusätzlichen grauen Haaren muss ich sagen: Was zunächst romantisch klingt, ist alles andere als einfach. Denn für die digitale Souveränität braucht man Zeit, Geduld, technische Fähigkeiten und genügend Frusttoleranz. Und wer die nicht mitbringt, der muss dann doch wieder bei den großen Plattformen unterkommen.

Dieser Blog läuft auf einem selbst gehosteten Ghost-System als Grundlage für die Webseite, die Texte und das Backend. Auch ein Mailserver ist installiert, damit ihr das hier auch als Newsletter lesen könnt. Beides liegt auf einem gemieteten Server. Damit ihr Blog und Newsletter ansteuern könnt, musste ich Domains registrieren, DNS-Einträge verstehen, Zertifikate einrichten, den E-Mail-Versand konfigurieren und mich durch mehr Fehlermeldungen arbeiten, als ich zählen kann.

Vor ein paar Jahren wäre das für viele Menschen, und auch für mich, überhaupt nicht umsetzbar gewesen. Nicht, weil es grundsätzlich unmöglich gewesen wäre, sondern weil es bedeutet hätte, sich durch unzählige Seiten an technischen Dokumentation zu arbeiten, Fehlermeldungen in Foren zu suchen und idealerweise auch noch Programmieren zu lernen. Ich bin Journalist und kein Systemadmin.

Und genau hier kommt eine Technologie ins Spiel, die man zunächst nicht mit digitaler Souveränität verbinden würde: Künstliche Intelligenz.

Warum wird digitale Souveränität im KI-Zeitalter einfacher?

Statt mich Tage in die Technologie einzulesen, frage ich im Jahr 2026 natürlich eine KI. Die erste Idee für die technische Infrastruktur habe ich daher mit einem Chatbot besprochen, als eine Art Sparringspartner mit technischem Verständnis. Was braucht man neben dem CMS noch? Was muss der Server können? Und was wäre eher mit technischen Kanonen auf digitale Spatzen schießen?

Und die eigentliche Umsetzung? Die lässt man dann eine auf Programmieren trainierte KI wie Claude Code oder OpenAI Codex erledigen. Ich selbst bin nur noch der nervige Product-Owner, der mit immer neuen Änderungswünschen um die Ecke kommt und ich schiebe den Code von A (Rechner) nach B (Server). Und am Ende steht nicht nur der eigene Blog mit Newsletter, sondern eine Infrastruktur, die mir gehört. Und das nach Stunden und nicht nach Wochen.

Ok, zugegeben. Ohne zumindest die Grundlagen zu verstehen und zu wissen, was die KI da gerade eigentlich macht, ist man auch heute noch aufgeschmissen. Nicht, weil kein Ergebnis herauskommen würde, sondern weil man einer Maschine die Kontrolle über Dinge gibt, die auch schnell in die Hose gehen können. Stichwort Sicherheitslücken und Halluzinationen. Linux ohne grafische Oberfläche zu bedienen, sollte einen nicht abschrecken. Eine .env sollte man auch kennen und ein Terminal sollte man auch schon mal bedient haben.

Aber das gilt jetzt noch, im Sommer 2026. Wenn die Entwicklung so weitergeht, sind selbst komplizierte Projekte bald nur noch eine Prompteingabe entfernt. Eine eigene App? Beschreib sie der KI und fertig ist sie. Ein vollwertiges eigenes Redaktionssystem? Lass es dir einfach bauen. Deine eigene Webseite mit Webshop? Gib der KI zehn Minuten.

Noch ist das ganz ohne Vorwissen Zukunftsmusik, aber es ist eine Zukunft, die bereits greifbar wird. Ich bin kein Fan davon, den Hype der KI-Unternehmen nachzuplappern. Aber die aktuellen Entwicklungen rund um Vibe Coding und die Fortschritte der Modelle lassen mich aufhorchen.

Was bleibt?

Die Werkzeuge für digitale Souveränität gab es schon immer. Man konnte einen Server mieten, Open-Source-Software installieren und eigene Dienste betreiben. Die meisten Menschen haben es aber trotzdem nicht getan. Warum nicht? Nicht weil sie es nicht wollten, sondern weil die Hürde zu hoch war.

Vielleicht besteht eine der größten Ironien des KI-Zeitalters darin, dass ausgerechnet eine Technologie, die von einigen der größten Unternehmen der Welt entwickelt wird, mehr Menschen in die Lage versetzt, Dinge selbst zu betreiben.

Digitale Souveränität wird dadurch nicht automatisch erreicht, aber sie wird erreichbarer.